TANDEM Newsarchiv

Ein neuer Lebensabschnitt

Neue Arbeits- und Wohngruppe des TANDEM in Abtwil

Nach einer kurzen Umbauphase wurde am Montag 8. August 2011 die neue Arbeits- und Wohngruppe des TANDEM in Abtwil bezogen. Drei junge Menschen mit Wahrnehmungsstörungen wechseln von der Heilpädagogischen Schule St. Gallen in das Erwachsenenleben.

Es ist neun Uhr und bereits herrscht emsiges Treiben in den neu renovierten Räumen der zweiten Wohngruppe im Hüslen in Abtwil. Im Mitarbeiterbüro sitzen Matthias Eggenberger, Barbara Christen und Melanie Weibel über den letzten Vorbereitungen. Die ganze letzte Woche haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Möbel gerückt, Einsatzpläne geschrieben und Pläne für die Aktivitäten in den ersten Tagen geschmiedet. Nun müssen noch die letzten Bilder für den Wochenplan ausgedruckt werden, der eine Wand im Flur der Arbeits- und Wohngruppe einnimmt. „Ein solcher Wochenplan ist für Menschen mit Wahrnehmungsstörungen von grosser Bedeutung“, sagt Matthias Eggenberger, „er bringt Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit und macht die neue Situation leichter durchschaubar. Wir haben uns bei der Gestaltung bewusst daran orientiert, was den zukünftigen Bewohnern bereits bekannt ist. Deshalb benutzen wir das gleiche Bildmaterial wie die Heilpädagogische Schule, die alle drei bisher besucht haben.“

Er wird sich wohl fühlen

In der Zwischenzeit legen Kevin Schachtler und seine Eltern letzte Hand an die Gestaltung seines Zimmers. Die Farbe Orange dominiert. Sie ist Kevins Lieblingsfarbe. „Es ist uns wichtig, dass die Bewohner und Bewohnerinnen des TANDEM ihre persönliche Umgebung nach eigenen Vorstellungen gestalten können“, sagt Rüdiger Pastewka, der Leiter des TANDEM.

Kevins Vater hängt die leuchtend gelben Vorhänge auf. Nun scheint im Zimmer trotz des trüben Tages die Sonne. Die Familie berät weiter über die Einrichtung des Zimmers. Kevin sitzt im grossen Ledersessel vor dem Fenster und streckt beide Beine von sich. „Gut, dass Papa den Sessel mitgenommen hat“, sagt seine Mutter und Kevin grinst. Auf die Frage, was denn das wichtigste am neuen Zimmer ist, zeigt er auf den CD-Player und erzählt gleich, dass er eine neue CD mitgebracht hat.

„Natürlich ist vieles neu für Kevin“, sagt sein Vater „aber wir sind sicher, dass er sich hier wohl fühlen wird.“ „Uns hat das TANDEM bereits beim ersten Besuch überzeugt und Kevin hat schon ausgiebig geschnuppert. Ausserdem kennt er seinen Mitbewohner und seine Mitbewohnerin aus der Schule.“

Gemischte Gefühle

Aus dem unteren Stock sind Jubelschreie zu hören. Katrin Bossart ist angekommen. Sie betritt die Wohngruppe, läuft erst einmal aufgeregt von Zimmer zu Zimmer und probiert alle Lichtschalter aus. Sobald sie auf jemanden trifft, den sie kennt, quietscht sie vor Freude. Doch die Augen sind ein bisschen feucht. „Katrin ist noch ein bisschen unsicher“, sagt ihre Mutter „auf die Arbeit freut sie sich ungeheuer. Aber dass sie am neuen Ort schlafen soll, macht ihr noch Sorgen.“ Den Eltern geht es nicht anders. „Die Freude über den neuen Lebensabschnitt überwiegt, aber was wir aus der gewonnenen „Freiheit“ machen werden, wird erst die Zukunft zeigen.“

Auch für Stephan Schulze, den Leiter der Gruppen in Abtwil ist vieles noch unsicher. „Wir haben zwar schon klare Vorstellungen, wie die Abläufe gestaltet werden“, sagt er „aber wie die beiden Gruppen harmonieren werden, muss sich erst zeigen.“ Und harmonieren sollten sie, denn neben den Arbeiten innerhalb der Gruppen sind regelmässige gruppenübergreifende Tätigkeiten sowohl im Freizeit- als auch im Beschäftigungsbereich geplant.

Bohrmaschine im Einsatz

Mittlerweile ist auch Simon Santschi mit seiner Mutter eingetroffen. Sein Zimmer ist bereits fast fertig eingerichtet, aber die Pinwand muss noch aufgehängt werden. Simon strahlt und  holt die Bohrmaschine. Er wirkt sehr männlich mit seinem „Drei-Tage-Bart“. „Eigentlich wollte ich, dass er sich rasiert,“ erzählt seine Mutter. „Aber heute morgen wollte er plötzlich nichts davon wissen“.

Für Simon ist das Schlafen ausser Haus vertraut. Bereits in den letzten Schuljahren verbrachte er die Woche im Schulheim Kronbühl. Aber irgendwie ist jetzt doch alles anders „Auf dem Weg hat er mich immer wieder gefragt, ob ich ihn am Samstag auch abhole,“ berichtet seine Mutter. Simon steht derweil vor dem Plan im Flur und scheint die Woche zu planen.

 

Brigitte Pastewka, 8. Aug. 2011


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